Stressfrei ohne Smartphone

Ein nicht ganz freiwilliger Selbstversuch.

Letztens war es wieder mal soweit – ich hatte mein Handy vergessen. Das passiert nicht oft, aber ich denke, es geschieht immer dann, wenn ich mal ohne Ablenkung unterwegs sein sollte. So eine Art Auszeit, die mein Unterbewusstsein schön arrangiert – dieser Schelm.

Ich bin wie immer aus dem Bett heraus, habe meditiert, geduscht und gefrühstückt und diese Zeit mit mir selbst genossen. Mein Mann war auf Reisen und der Morgen gehörte mir. Das ist nicht selbstverständlich. Aber wenn es so ist, dann freue ich mich doppelt drüber und versuche ihn noch ein paar Momente in die Länge zu ziehen. Ich kann auch schelmisch sein 😉

Und doch hatte ich in einem unbeobachteten Moment mein Handy wohl an einen Platz gelegt, wo es üblicherweise nicht liegt. Ich schaue also vor dem Verlassen der Wohnung ganz automatisch an die übliche Stelle, dort ist nichts zu sehen, und ziehe die Tür zu. Im guten Gefühl vollständig gepackt zu sein, gehe ich nun auf meine Tagesreise. Heute stehen ein Kurs und ein Coaching an.

Auf der Bahnfahrt zum Kurs kommt die Erkenntnis – das Handy fehlt. Panik! Habe ich es verloren? „Nein, das hast Du nicht.“ beruhige ich mich. Es beginnt mir nämlich dunkel zu dämmern, dass ich es gar nicht von seinem Platz in den Rucksack gesteckt habe. Diese Handlung habe ich nicht abgespeichert. Erleichterung setzt ein, wenigstens ist es nicht verloren. Nächster Gedanke wieder Panik – wie soll ich denn den Tag überstehen? Das Handy ist für mich Uhr, Kalender, Stadtplan, Buch, Musikplayer in einem. Ach ja, telefonieren kann ich damit auch noch.

Wieder Ausatmen, ein Buch gibt es auch noch im Rucksack und den Kursort werde ich wiederfinden. Einigermaßen entspannt genieße ich die Bahnfahrt.

Zwei Stunden später geht es weiter zum Coaching. Die Fahrt mit der Bahn verschafft mir eine Erholungspause, denn ich lasse meine Gedanken einfach ziehen. Keine Berieselung, kein checken der Mails und Social Media, nur aus dem Fenster gucken und sehen, wie alles an mir vorbeizieht. Wundervoll! Mein ab und an aufkeimendes schlechtes Gewissen beruhige ich damit, dass ich mir sage, ich bin offline in meinem Arbeitstag, da muss ich nicht gleichzeitig auf allen Online-Kanälen erreichbar sein. Oder doch?

Ohne weitere Zwischenfälle stehe ich dann glücklich vor dem Haus, wo das Coaching stattfindet. Mein innerer Kompass und ein noch recht gut funktionierendes Gedächtnis haben mich zielsicher hierher geführt. Etwas Stolz keimt in mir auf, der sofort durch eine andere Stimme in mir niedergemacht wird mit einem fein hin getupften Kommentar: „Das ist doch wohl selbstverständlich.“ Nein, Du Schnepfe, das ist es nicht. Ich weigere mich meine Funktionsfähigkeit als selbstverständlich hinzunehmen und gebe mir selber ein Lob: „Das habe ich gut gemacht.“ Ah, das ist schon viel besser.

Das Coaching läuft super, der Coachee ist zufrieden und wir vereinbaren einen weiteren Termin. Bin ich froh, dass es noch mein Notizbuch gibt. Ich darf nur später das Übertragen in meinen digitalen Kalender nicht vergessen. Ich will nochmal bestätigen, dass der Termin auch wirklich passt, denn der Kalender schlummert ja heute zuhause.

Auf dem Nachhauseweg wähle ich bei diesem Wetter den Spaziergang, da ist es so oder so besser, nicht abgelenkt zu sein und vielleicht sogar noch auf das Handy zu starren, während man sich im Straßenverkehr bewegt. Wo ich kann, nehme ich einen Weg fernab von der Hauptstraße und durch die Grünanlagen. Dauert zwar ein paar Minuten länger, ist dafür umso ruhiger.

Zu Hause angekommen, ist es dann fast wieder ein sorgenvolles Gefühl, dass sich da meldet. Wird das Handy wohl wirklich da sein? Ich schaue hier und dort und finde es schließlich im Badezimmer. Was macht es denn da? Ach ja, da hatte ich heute Morgen die digital vernetzte Musikanlage angeschaltet.

Jedenfalls entspannt sich gerade alles und eine Freude über das Wiedersehen macht sich breit. „Hey“, ruft da eine innere Stimme, „das ist ein Smartphone, nicht Dein Ehemann.“

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