Stresstest bestanden!

Wann hattest Du Deinen letzten, praktischen Belastungstest in Sachen Stress?

 

Ich meine nicht einen Fragebogen ausfüllen „Wie reagiere ich unter Stress?“, sondern eine konkrete, praktische Erfahrung. Und wie hoch war der Stress auf einer Skala von 1 (der Stress hat gerade mal meine Zehenspitzen gekitzelt) bis 10 (die Rakete ist gezündet)?

Ich hatte gerade vor einigen Tagen einen Stresstest. Und auf einer Skala von 1 bis 10, war ich wohl schon auf einer 9,5.

Wie es dazu kam? Ich wollte meinen Mann zu einem Vortrag nach München begleiten und wir hatten vor, gemeinsam von Hamburg aus zu fliegen. Also machten wir uns morgens auf den Weg, in der Gewissheit, dass wir noch so um die 100 min bis zum Abflug haben.

Die Berechnung war: 40 min Fahrweg mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Hamburg-Eimsbüttel bis zum Flughafen Fuhlsbüttel und 60 min für Check-In. Das sollte doch für einen innerdeutschen Flug ausreichen! Soweit der Plan.

Dann begann der Krimi.

An der Bushaltestelle stellen wir fest, dass es nur noch 60 min bis zum Abflug sind und das Boarding beginnt in 30 min. Hääää? Wie soll das jetzt gehen? Nach einem kurzen „Tilt“ in den Gehirnwindungen in Windeseile einen Plan B entworfen, der lautete:  Auto holen und sehen, ob wir das noch schaffen. Nicht aufgeben. Zermürbende 30 min Autofahrt bis zum Flughafen. Jede rote Ampel, jeder LKW in 2. Reihe, jeder „Sonntagsfahrer“ wird da zur Herausforderung. Mein Gehirn ist manches Mal ganz schnell dabei sich auszumalen, was wäre wenn…. Also, wenn mein Mann es nicht zum Flieger schafft. Stressverstärkende Gedanken nennt man heißt das in diesem Kontext. Und die lauten bei mir ungefähr so:

Wie sollen wir das bloß schaffen?
Jetzt darf aber auch gar nichts mehr dazwischen kommen.
Der Vortrag kann nicht stattfinden.
Die armen Menschen, die bereits Tickets für den Vortrag haben
usw.

Diese Gedanken wurden durch einen zunehmend nervöser werdenden Partner auf der Beifahrerseite noch befeuert. Sobald der eine Gedanke weggezogen war, tauchte ein neuer auf.
Dazu machen sich jetzt körperliche Reaktionen bemerkbar. Der Puls geht schneller, die Hände sind fest um das Lenkrad geklammert, die Muskeln angespannt und die Gesichtszüge fühlen sich starr an. Und doch fühle ich mich innerlich zentriert. Ich bin in Kontakt mit mir. Ich kann das alles wahrnehmen und das Entstehen dieser Phänomene beobachten. Nur lächeln war irgendwie nicht mehr möglich…

Angekommen am Airport setze ich meinen Mann ohne Koffer, nur mit seinem Handgepäck, ab, damit er den Flieger vielleicht noch erwischen kann. Er musste am Nachmittag noch für den Auftritt proben, ich konnte später fliegen. Es hieß Prioritäten zu setzen, auch unter Stress, und damit in Kauf nehmen, dass zumindest für eine Person das heutige Ziel, nämlich den Flieger um 9:30 Uhr zu erreichen, nicht erreicht wird. Was wäre daran denn das Schlimmste? Das Szenario ist zwar nicht erfreulich, weil kostenintensiv, aber rechtfertigt auch nicht dieses Stressfeuer, als ob es gerade ums Überleben geht.

Noch 30 min bis Abflug – das Auto ist geparkt, am Schalter versucht den Koffer aufzugeben – vergebens. Das System nimmt bis spätestens 30 min vor Abflug noch Gepäck an, ich war 28 min vorher da. Das weiß ich jetzt also auch. Egal, jetzt bin ich schon mal hier, da kann ich auch versuchen den Koffer so in den Flieger zu bekommen.

Weiter zur Security sprinten und den ersten Platz in der Fast Lane erbitten. Auch unter Stress noch einen Fokus auf eine mögliche Chance setzen und Leute um Unterstützung fragen. Mein Stolz hat in diesem Moment keinen Platz.

20 min bis zum Abflug – der Koffer-Check. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit mit einem großen Koffer durch die Sicherheitskontrolle zu kommen – aber ich habe keinen Gedanken daran verschwendet. Für mich war es bereits selbstverständlich, dass ich durchkomme, vielleicht noch mit Verlusten des einen oder anderen Gegenstandes. Ich habe mir sozusagen das gewünschte Ergebnis besonders stark visualisiert und mir meine Realität dadurch ein Stück weit selbst geschaffen. Mein ganzer Fokus war nur auf „Durchkommen“ ausgerichtet. Der Tunnelblick im Stressgeschehen. Scheitern war keine Option in meinem Gehirn.

15 min bis zum Abflug – extrem kurzes Telefonat mit meinem Mann, der bereits am Flieger steht und (noch) wartet. Yeah – das 1. Ziel ist erreicht! Da geht doch noch mehr, oder? Ich sitze bestimmt gleich neben ihm. Noch einmal alle Kräfte mobilisieren. Meine Wahrnehmung ist inzwischen schon ziemlich eingeschränkt. Blicke der umstehenden Menschen bemerke ich kaum noch. Ich vermute, da gab es nicht wenige. Was ist überhaupt in der Zeit um mich herum passiert? Ich bemerke jetzt, wie angespannt mein Körper ist und wie ich mich voll und ganz auf den Sicherheitsbeamten konzentriere. Und sonst? Mein Gehirn – ein unbeschriebenes Land. Keine Erinnerung mehr an diese Minuten.

12 min bis zum Abflug – nach dem Körperscan muss ich auch noch zum „Body Check“ an der Security. Danach keine Zeit mehr für einen Blick auf die Uhr. Das ist jetzt definitiv nebensächlich. Nur noch Reserven für das Wesentliche haben. Wann kommen endlich meine Schuhe aus dem Scanner???

8 min bis Abflug und ich hänge noch immer im Sicherheitsbereich. Ein weiterer Schreck, der Inhalt des großen Koffers. Die Nagelschere, das Parfüm, die Zahncreme usw. Das war so alles nicht geplant. Alles nochmal durch den Scanner. Wertvolle Minuten die verstrichen. Endlich –  das „GO“ vom Sicherheitsbeamten. Ein kurzes Danke an ihn und los.

5 min bis zum Abflug, der Sprint zum Gate. Das war am anderen Ende des Terminals. Nee, ist klar. Ein kurzer Gedanke, das schaffe ich jetzt nicht mehr und ich sollte mal wieder in das  Lauftraining intensivieren. Vielleicht besser von Ausdauer auf Sprint umstellen? Naja, ein anderes Mal. Komm, das schaffst Du. Du bist zäh.

2 min vor Abflug und endlich ist das Gate erreicht. Außer Atem, stolz auf mich und glücklich die Augen meines Mannes zu sehen, der mich ungläubig anstrahlte. Ich habe gerade etwas Unmögliches möglich gemacht.

Bis das Adrenalin dann wieder aus meiner Blutbahn verschwunden ist, hat es bis nach München gedauert. Die Muskeln haben sich langsam wieder entspannt, das Lächeln kehrte auf mein Gesicht zurück und mein Mann und ich konnten über die Situation schon wieder scherzen. In München bin ich dann noch etwas im Englischen Garten spazieren gegangen,  während er mit Licht- und Soundcheck beschäftigt war. Natur und Bewegung haben mich dann schnell regenerieren lassen.

Und jetzt Du – Wie war Deine letzte Stresssituation? Vielleich weißt Du noch, wie Du Dich da gefühlt hast und welche Gedanken Dir durch den Kopf gegangen sind? Gab es Körperempfindungen dazu oder spürst Du jetzt noch welche, wenn Du Dich wieder mit der Situation verbindest? Und vor allem – was hat Dir geholfen wieder von diesem Stresspegel runterzukommen?

Mir hat mein Achtsamkeitstraining geholfen mit diesen und ähnlichen Situationen umzugehen. Denn begegnen werden sie mir immer wieder.

Egal, ob Du einen MBSR-Kurs, einen Achtsamkeits-Tag oder einen kurzen Workshop zum Einstieg wählst – die Veränderung beginnt mit Deinem 1. Schritt. HIER findest Du weitere Informationen.