Gabriela Voß, Self Leadership Coaching, Achtsamkeitstraining, MBSR-/MBCL-Training, Stressbewältigung, Resilienz, Mental Health; Inneres Team

Innenwelten – oder was das innere Team mit Stress zu tun hat (Teil 1)

„Was regt sich in mir?“ Das ist eine der zentralen Fragen, die Schulz von Thun seinem Modell des inneren Teams zugrunde gelegt hat. Und es ist eine Frage, die ich für eine der klügsten halte, die wir uns selbst stellen können.

Ich arbeite sehr gern mit dem inneren Team – oder, wie ich es lieber nenne, meiner inneren WG. Das Bild zeigt so wunderbar die Pluralität, die in uns wohnt und unsere Entscheidungen beeinflusst. So manches Muster wird von ungehörten inneren Anteilen immer wieder ausgeführt, obwohl es aus heutiger Sicht längst überholt ist. Und genau da liegt die Verbindung zu Stress: Wenn sich Anteile in uns nicht gehört fühlen oder wenn wir gegen uns selbst arbeiten statt mit uns, kostet das Energie und gibt Streiterei in unserem Team. Manchmal eine Menge davon.

Was können wir also tun, um das zu verändern?

Dem inneren Team auf der Spur

Wie so oft hilft es, zu beobachten und zu erkennen, was überhaupt in uns vor sich geht. Das ist heutzutage kein Selbstläufer, denn dafür braucht es Hinwendung und Zeit – und beides wird gefühlt immer knapper.

Wenn wir uns fragen: „Was regt sich in mir?“, dann geht der Blick nach innen. Wir spüren, welche Stimmung gerade präsent ist. Oder in der Sprache der Achtsamkeitswelt: Welche Gefühlstönung oder innere Gestimmtheit nehme ich wahr?

Wenn du das liest, merkst du vielleicht, wie die Worte unterschiedliche Resonanz in dir hervorrufen: Stimmung, innere Gestimmtheit, Gefühlstönung. Das Spüren braucht Innehalten und Lauschen. Im Alltagslärm eine echte Herausforderung – aber machbar.

Und es lohnt sich. Denn wer seine inneren Anteile kennt, kann sie situationsgerecht einsetzen, statt von ihnen gesteuert zu werden.

Warum sollten wir Zeit mit uns selbst verbringen?

Weil es Freude macht.

Wir Menschen streben nach Wachstum und Selbsterkenntnis. Auch wenn es in unserer inneren WG unaufgeräumte Zimmer und etwas zottelige Mitbewohner:innen gibt – es lohnt sich, hinzuschauen. Vielleicht liegt dort noch ein Geschenk.

Weil es Klarheit schafft.

Worum geht es mir gerade wirklich? Was brauche ich? Was ist der gute Grund hinter einer vielleicht bescheuerten Handlung? Diese Fragen helfen mir, für mich zu arbeiten statt gegen mich. Gerade in stressigen Phasen verlieren wir diesen inneren Kompass leicht – und merken es oft erst, wenn wir schon im Autopilot unterwegs sind.

Weil es uns stark macht.

Wenn wir mit unserem ganzen Potential durchs Leben gehen, ohne uns für einzelne Anteile zu schämen oder sie zu verdrängen, steht uns ungleich mehr Kraft zur Verfügung. Wir müssen weniger geliebte WG-Mitglieder nicht mehr in ein Zimmer einschließen. Auch sie haben einen Auftrag.

Das erinnert mich an meine Motorrad-Batterie letzte Woche. Sie hatte nicht mehr genug Kraft, um das Motorrad zu starten – weil einige Zellen defekt waren und nicht mehr mitgearbeitet haben. Zurückgehaltene und negierte Anteile können Ähnliches tun: Sie verweigern die Arbeit oder boykottieren uns still und heimlich.

Mitglieder unseres inneren Teams

Wer ist dieses innere Team nun eigentlich? Kennst du deines schon – und arbeitest bereits damit?

Jede:r von uns kennt wahrscheinlich die kritische innere Stimme. Der kann man wenig recht machen. Sie nörgelt gern und hegt Zweifel an vielem, was wir tun.

„Mein Körper war auch schon mal attraktiver.“

„Wenn ich nicht mehr leiste, werde ich nie die Anerkennung meiner Führungskraft bekommen.“

„Gerade in diesen unsicheren Zeiten ist ein Jobwechsel ist zu riskant.“

„Du wirst nichts werden, wenn du so weitermachst.“

Motivation geht irgendwie anders, oder?

Aber: Diese Stimme ist nicht einfach nur lästig. Sie hat einen Auftrag – sie will uns schützen, vor Blamage, vor Scheitern, vor dem, was wir für gefährlich halten. Das Problem ist nicht die Stimme selbst, sondern dass sie das Mikrofon komplett übernimmt und alle anderen zum Schweigen bringt. Besonders in Stressphasen dreht sie gern die Lautstärke hoch.

Und dann gibt es natürlich viele weitere Anteile. In meinem Seminar „Führen mit dem inneren Team“ haben Teilnehmende zum Beispiel diese entdeckt:

Der Visionär: „Ich sehe das große Ganze und bin meiner Zeit weit voraus.“

Die Pilotin: „Check, check, double check. Ohne mich geht hier gar nichts.“

Der Lotse: „Ich steuere durch das Labyrinth der Anforderungen.“

Die Strukturierte: „Mit meinem Plan läuft’s immer.“

Der Empathische: „Ich kann dich fühlen.“

Jeder Anteil steht für besondere Stärken. Jeder ist auf seine Art hilfreich. Wenn wir alle gut zusammenarbeiten lassen, können wir situationsangemessen und authentisch reagieren. Das ist besonders wertvoll in stressigen Momenten, bei Konflikten und bei Entscheidungen, die sich anfühlen wie ein Knäuel, das sich nicht entwirren lässt.

Inneres Team und Stress – was hat das miteinander zu tun?

Stress entsteht nicht nur durch äußere Umstände. Er entsteht auch dann, wenn innere Anteile gegeneinander arbeiten. Stell dir vor, du sollst eine wichtige Entscheidung treffen. Der Visionär in dir sieht schon das große Bild, die Pilotin besteht auf vollständiger Absicherung, der Empathische fragt sich, wie die anderen das aufnehmen werden – und die kritische Stimme rauschelt im Hintergrund: „Was, wenn du dich irrst?“

Das ist kein Zeichen von Schwäche. Das ist menschlich. Aber es kostet Energie. Und wenn wir keine Möglichkeit haben, Ordnung in dieses innere Durcheinander zu bringen, greifen wir oft auf Autopilot-Reaktionen zurück: Wir zögern, wir funktionieren, wir überarbeiten uns, wir ziehen uns zurück.

Das Innere Team als Modell hilft, dieses Durcheinander zu sortieren. Es lädt ein, innezuhalten und zu fragen: Welcher Anteil hat gerade das Wort ergriffen? Was braucht er? Und was brauchen die anderen, damit wir als inneres Team wieder arbeitsfähig werden?

Wie schenken wir uns selbst Zeit?

Damit wir überhaupt in Kontakt mit unserem inneren Team kommen können, brauchen wir Stille. Nicht stundenlanges Schweigen – aber Momente, in denen der Alltagslärm leiser wird und wir uns selbst wieder hören können.

Das beginnt damit, uns an die oberste Stelle zu setzen. Und ja, das bedeutet, im positiven Sinne egoistisch zu sein. Wenn gerade kein Notfall ist, darfst du dir erlauben, mit einer Tasse deines Lieblingsheißgetränks dazusitzen und auszuatmen. Zu spüren, was sich gerade in dir regt. Was ist in diesem Moment präsent?

Das mag sich zunächst ungewohnt anfühlen. Wir sind es so gewohnt, andere und anderes an die erste Stelle zu setzen, dass wir uns selbst manchmal ganz aus den Augen verlieren. Kein Wunder, dass wir uns dann erschöpft und leer fühlen und die Freude irgendwo auf der Strecke geblieben ist.

Also: Tee aufgegossen, Lieblingsplatz eingenommen und abwarten. Es wird sich etwas zeigen. Und mit dem, was sich zeigt, kannst du dann umgehen.

Neugierig auf dich?

Interesse an sich selbst und der Wunsch nach Wachstum sind die besten Voraussetzungen sich weiterzuentwickeln. Wenn dir das Thema noch fremd erscheint oder du nicht weißt, wo du anfangen sollst – ich begleite dich gern dabei. Ich stelle Fragen, die dir vielleicht nicht einfallen, weil ich einen Blick von außen habe. Fragen, die dich weiterbringen und dir neue Erkenntnisse schenken. Such dir gleich einen Termin für ein kostenfreies Kennenlerngespräch.

Im nächsten Artikel schauen wir uns die inneren Antreiber an. Gerade für Vieldenker:innen und Stressgeplagte sind das wichtige – und oft sehr laute – Stimmen des inneren Teams. Denn Antreiber sind häufig genau die Anteile, die den Druck auf uns erhöhen. Es lohnt sich, sie kennenzulernen.