Trauer; starke Gefühle; schwierige Gefühle

Umgang mit Trauer

Gefühle von Traurigkeit und Trauer sind eher ungeliebt und ungelebt in einer Zeit, wo jede/r erfolgreich, leistungsfähig und gut drauf sein soll. Und doch ist die Verarbeitung von Trauer für unsere seelische Gesundheit so wichtig.  

Wenn ein geliebter Mensch oder ein geliebtes Tier stirbt, dann füllt uns manchmal ein so starkes Gefühl von Trauer und verlassen sein aus, dass man meint, es wäre kaum auszuhalten und es würde sich auch nie wieder ändern.

Warum über Trauer schreiben?

Ich schreibe diesen Blog darüber, weil bei mir die Trauer gerade hochaktuell ist. Ein lieber Freund ist vor Kurzem gestorben und ich versuche auf diese Weise meinem Herz wieder mehr Weite zu geben. Für mich ist das Schreiben über Gefühle ein guter Weg damit umzugehen. Kennst du das auch?

Den Umgang mit starken Gefühlen durch Gespräche habe ich nämlich erst spät in meinem Leben gelernt. Ich vermute – nein, ich weiß – dahinter steckt eine Menge familiärer Prägung. Heute verwende ich das eine wie das andere, um meinen Gefühlen Raum zu geben und wieder in meine Balance zu kommen.

Ich werde diesem Menschen/diesem Tier nie wieder in die Augen blicken können.

Ja, das stimmt. Jedenfalls auf dieser Welt und in diesem Leben nicht. Die Urne vor dem Foto hat mir das noch mal ganz deutlich gezeigt. Und es war gut so. Mir hat das geholfen loszulassen und meinem Freund eine gute Reise zu wünschen.  

Jetzt sitze ich hier mit meinem Schmerz und bin doch mitten im Alltag. Wie oft doch meine Gedanken abschweifen – an den Freund, unsere gemeinsamen Erlebnisse, die Trauerfeier und den Schmerz der Familie. Plötzlich lebt sich das Leben ohne diesen geliebten Menschen weiter. Die Erinnerungen bleiben.

Ist Tod erwartbar?

Sein Tod war zu erwarten, weil er unheilbar an Krebs erkrankt war. Es war eine Frage der Zeit und laut seiner Ärzte hat er sie weit überdehnt. Ein Kämpfer halt. 😊

Aber mal ehrlich – erwartet man den Tod? Von einem selbst oder jemand anderen? Irgendwie ist da doch immer die Hoffnung, dass es schon wieder wird.

„Es ist gut für ihn, weil er nun nicht mehr leiden muss.“ Ist ein Satz, die Trost spenden soll. Das macht es mir nicht einfacher. Ich verstehe die Intention dahinter und kann ihn kognitiv verarbeiten, aber ich bin nicht bereit die Information zu empfangen. So vieles, was wir noch hätten machen können. Ich fühle mich, als ob ich mein Timing verloren habe, denn ich bin zu spät dran gewesen. Aus dem geplanten „Wir sehen uns mal wieder.“ Wird ein nie wieder.

Weinen ist ok und löst den Druck

Die Trauer lässt mich weinen, auch während ich diese Zeilen schreibe. Ich finde das ok, denn das ist ein natürlicher Ausdruck des Zustandes meiner Seele. Durch weinen wird der Druck auf meiner Brust weniger und ich kann leichter atmen.

Weinen hat nichts mit Stärke, Schwäche oder Geschlecht zu tun. Auf der Trauerfeier gab es viele feuchte Augen bei Männern und Frauen.

Und dann gab es diese Momente der Erinnerung, wie unser gemeinsamer Freund gewesen ist und was er so angestellt hat in seinem Leben und wir konnten lachen über Kurioses und Neues, das wir bisher nicht kannten.

Gerade schwimmen kurz diese Gedanken vorbei: Weine ich eigentlich um den Freund oder steckt noch etwas anderes dahinter? Geht es nicht immer auch um meine eigene Vergänglichkeit?

Eine Freundin hat vor Kurzem gesagt: „Früher habe ich davon gehört, dass die Eltern unserer Freunde sterben. Jetzt sind wir in einem Alter, wo die Freunde selber sterben.“ Wie Recht sie hat.

Das Leben will gelebt werden

Das Leben hat Ecken und Kanten, Höhen und Tiefen. Es geht nicht immer nur bergauf und dann ist da diese tolle Aussicht da oben von der Bergspitze. Durch Tod, Krankheit und Verlust kann es sich plötzlich anfühlen, als ob es rasend schnell bergab geht. Man stürzt in einen dunklen Schlund hinein und wird durcheinandergewirbelt wie im Schleudergang einer Waschmaschine.

Nach einiger Zeit kommt man da wieder heraus, aber irgendetwas fühlt sich anders an. Das Leben geht weiter und will gelebt werden. Doch wer sind wir nach einem solchen Ereignis? Immer noch dieselben Menschen?

Während ich hier schreibe, glaube ich, dass ich gerade auch den unerwarteten Tod meines Vaters (das ist schon einige Jahre her) noch einmal wiederkäue. Wie bei meinem Freund hätte ich noch so viel mit ihm unternehmen können. Zu spät flüstert eine Stimme in mir…

Wann, wenn nicht jetzt?

JETZT ist ein guter Zeitpunkt für viele Dinge. Ich glaube, wir alle kennen das, wir schieben etwas auf, weil wir in Eile sind, es uns unangenehm ist, kompliziert erscheint, schon so lange her ist oder wir doch keine alte Wunden berühren wollen.

Eine Hitliste von Dingen, die man meiner Meinung nach nicht aufschieben sollte:

  • Sich mit einem Kuss oder einer liebevollen Geste vom Partner/von der Partnerin verabschieden
  • Zeit mit der Familie verbringen
  • Ein klärendes Gespräch nach einem Streit beginnen
  • Sich wieder bei jemandem melden, von dem man schon lange nicht mehr gehört hat
  • Mutig mit einem Menschen Kontakt aufnehmen, den man näher kennenlernen möchte, aber nicht weißt ob er oder sie das auch möchte
  • Jemanden in den Arm nehmen
  • Sich an jemanden anlehnen, wenn einem danach ist
  • Täglich dem Herzen lauschen und das tun, wonach sich dein Herz sehnt.

Bonus – gratis on top 😊 Mindestens einmal täglich, ganz ohne Grund, tanzen, lachen oder singen. (Das ist nicht kompliziert und erfordert ganz wenig Zeit. Dafür verschaffst du dir sofort für einen Moment gute Laune und ein Tor für aufgestaute Emotionen.)

Wie geht man mit Trauer um?

Sicher hat da jeder Mensch seine eigene Rezeptur. Ich möchte hier ein paar meiner Ideen aufschreiben. Vielleicht bist/warst du gerade in einer ähnlichen Situation und sie erscheinen dir hilfreich oder tröstlich.

  1. Tod gehört zum Leben dazu
    Es gibt das Leben nicht ohne Vergänglichkeit und Tod. Das ist der Deal. Wenn ich mir das zuspreche, dann macht es mir einmal mehr bewusst, wie begrenzt meine Zeitspanne hier auf Erden ist und dass ich sie mit sinnvollen Taten füllen und ein erfülltes und zufriedenes Leben führen möchte. Diese Zeit ist ein Geschenk.
  2. Gefühle kommen in Wellen
    Es gibt Momente, da überschwemmt mich die Trauer und dann wieder Momente, wo ich „ganz normal“ meinen Alltagsdingen nachgehe. Dieses bemerken von Zyklen ist total hilfreich für mich. Ich vertraue darauf, dass die Wellen mit der Zeit weniger häufig ans Ufer rollen und auch weniger hoch sein werden.
  3. Keine Macht den Schuldgefühlen
    Manchmal fühlen wir uns schuldig, weil wir uns länger nicht gemeldet haben. Weil wir zur letzten Verabredung keine Zeit hatten. Oder es vielleicht Streit gab, der nicht geklärt wurde.
    Schuld und Scham sind machtvolle Empfindungen, aber keine reinen Gefühle. Sie beinhalten immer auch ein Urteil über uns selbst und zeigen Gefühle und Bedürfnisse auf, zu denen wir keinen Zugang haben. Sie sind eine Einladung, sich im Verzeihen zu üben.
  4. Die Trauer hat ihre ganz eigene Zeitrechnung
    Sie ist ein Prozess, durch den wir hindurchgehen und bietet die Möglichkeit der Auseinandersetzung mit dem Leben. Bei dem einen braucht dieser Prozess länger, andere benötigen weniger Zeit. Das ist weder gut noch schlecht, sondern einfach individuell. Wichtig finde ich, dass wir uns die Zeit nehmen, um immer wieder hineinspüren in den Schmerz, um zu sehen, was er braucht und wie er sich verändert. Wenn wir Schmerz empfinden können, können wir auch offen sein für Freude.
  5. Erinnerung an schöne gemeinsame Momente
    In solchen Erinnerungen bade ich dann gern. Dann habe ich z. b. das lachende Gesicht der Person vor mir oder besuche gemeinsame Lieblingsort. Ich versuche mich dann auf die Dankbarkeit zu fokussieren statt auf das, was mir zukünftig fehlen wird. Ich bin dankbar für die Zeit, die ich mit diesem Menschen teilen durfte.

Die Trauer durchläuft verschiedene Phasen wie z. b. Widerstand, aufbrechende Emotionen und eine Neusortierung des Selbst. Je nachdem, in welcher Phase man sich gerade befindet, fällt einem das eine oder andere leichter. Mitgefühlspraxis hilft hier sehr, finde ich. Ein freundliches „Es ist ok so zu fühlen.“ und Kontakt mit dem Herzbereich. Und dann frage dich, was du jetzt brauchst.

Trauerrituale

Ich nehme mir meine Zeit für den Abschied. Die Trauerfeier mit vielen anderen Menschen ist eine Sache, aber der persönliche Abschied in der Stille ist noch einmal ganz anders.

Gern zünde ich eine Kerze an und blicke einfach nur ins Feuer. Ich wünsche der Seele eine gute Reise nach Hause. Oder ich gehe an Plätze, die wir gern gemeinsam besucht haben und beginne ein Zwiegespräch. Wenn es mir sehr schwerfällt loszulassen, dann schreibe ich manchmal meine Gedanken und Wünsche auf ein Papier, baue ein Boot daraus und schicke es hinaus auf das Meer. Verbrennen im Feuer erlebe ich auch als befreiend.

Sei kreativ mit deinem Abschiedsritual. Befreie dich von Konventionen. Es ist für dich und deinen Seelenfrieden.

Und was nun?

Ich erlebe diese Zeit der Trauer nicht nur als Trauer über den Abschied von einem geliebten Menschen. Es ist immer auch eine Auseinandersetzung mit meinem Leben. Habe ich bisher gelebt, wie ich es wollte? Was sind meine Wünsche, Träume und Ziele, die ich noch verwirklichen möchte? Mit wem möchte ich noch ein Stück des Weges gemeinsam gehen und das Leben feiern? Was wird man auf meiner Trauerfeier über mich sagen? Was macht mich als Menschen aus?

Abschließend bemerkt

Starke Gefühle brauchen einen Raum, in dem sie sein können und anerkannt werden. Ich habe in meinem Leben schon Verlust und Schmerz ganz unterschiedlicher Art erfahren. Hast du auch ein Thema, das dich beschäftigt? Gern öffne und halte ich für dich den Raum, um durch deinen ganz eigenen Prozess zu gehen. Schreib mir gern an ed.ssovaleirbag@liam.